SMEEGE: Auslandserfahrung in die Ausbildung bringen

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SMEEGE steht für „Small and Medium companies Executives‘ Go to Europe“ und dabei handelt es sich um ein von der EU gefördertes Erasmus+ Projekt mit Partnern in Deutschland, Belgien, Italien, Slowenien und Spanien (Beschreibung und Kontakt am Schluss des Artikels). Auftrag und Ziel von SMEEGE ist es, Ausbildungsverantwortliche kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) davon zu überzeugen, dass die Entsendung ihrer Auszubildenden ins Ausland nicht „nur“ für die Azubis Sinn macht, sondern die Ausbildungsattraktivität und -modernität insgesamt steigert und letztlich dem gesamten Betrieb zugutekommt.

Doch was genau heißt „überzeugen“? Und klingt der Nutzen nicht etwas zu vollmundig? Wir sprachen mit Silke Haubenreißer, Geschäftsführerin der Lux Impuls GmbH, die das Projekt gemeinsam mit dem Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW unter der Projektleitung der TALENTBRÜCKE GmbH & Co. KG für alle KMU-Ausbildungsbetriebe in Deutschland realisiert.

Frau Haubenreißer, wie wollen Sie Ausbilderinnen und Ausbilder davon überzeugen, dass sie ihre Azubis ins Ausland schicken sollen, anstatt im Unternehmen zu arbeiten bzw. zur Berufsschule zu gehen?

Silke Haubenreißer:  Ganz richtig, wir wollen mit SMEEGE überzeugen und nicht überreden. Doch Überzeugungen entstehen vor allem aus eigenen Erfahrungen und das beschreibt exakt den Ansatz, den wir gewählt haben. Konkret: Die Ausbildungsverantwortlichen, seien es die Geschäftsführerin bzw. der Geschäftsführer oder die Ausbilderin bzw. der Ausbilder, sollen den Nutzen und die Mehrwerte eines Auslandsaufenthalts selbst erfahren, anstatt dass wir ihnen Vorträge halten oder bunte Infomaterialien auf den Tisch legen. Wir wollen sie dazu motivieren, ähnlich wie eine Auszubildende oder ein Auszubildender einige Tage nach Madrid zu reisen. Dort nehmen sie an einem von uns speziell vorbereiteten Programm teil, sie besuchen beispielsweise eine Berufsschule und lernen dortige Auszubildende und Lehrerinnen bzw. Lehrer kennen, sie besichtigen Betriebe und lernen dabei die andere Lebens-, Arbeits- und Ausbildungskultur kennen.

Und was genau bringt das den Teilnehmerinnen und Teilnehmern?

Das Gleiche, was ein Auslandsaufenthalt auch den Auszubildenden bringt – natürlich in einer auf die Teilnehmenden zugeschnittenen Form. Es ist durch zahlreiche Studien belegt und durch private Reisen ja auch leicht nachvollziehbar, dass das Erleben anderer Kulturen eine vielfältige persönliche Bereicherung schafft. Die sozialen und interkulturellen Kompetenzen werden gestärkt, man bzw. frau erlebt, was Verständigung und Miteinander eigentlich bedeuten. Wer die eigene Komfortzone verlässt, erweitert seinen persönlichen Horizont und zugleich wird das Selbstbewusstsein im Umgang mit neuen, fremden Herausforderungen gestärkt. Diese vielen positiven Effekte erleben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des SMEEGE-Projekts tatsächlich selbst, dabei achten wir selbstverständlich darauf, dass die Erfahrungen eng mit der Ausbildungsperspektive verknüpft sind. Denn so wird unmittelbar greifbar, welche positiven Effekte ein Auslandsaufenthalt für Auszubildende generiert: Wir reden von Persönlichkeitsentwicklung, einem spürbaren Schub für die persönliche Reife, mehr Selbstständigkeit und Eigeninitiative im Alltag, gesteigerten Problemlösungskompetenzen – alles Anforderungen, die wir gerne an unsere Auszubildenden stellen, die wir aber in der Ausbildung eben auch fördern müssen.

Wenn die oder der Auszubildende einen Auslandsaufenthalt absolviert, dann fehlt er aber doch in der Berufsschule und im Betrieb.

Ja und nein. Hier lohnt es sich, die Praxis der Auslandsaufenthalte genauer ins Auge zu fassen. Zunächst besteht ja die Möglichkeit, einen solchen Aufenthalt gezielt in die Berufsschulferien zu legen. Dann stellt sich die Frage der Dauer. Bei den IHKs sind die IHK-Mobilitätsberater für die Auslandsaufenthalte der Auszubildenden in den IHK-Berufsabschlüssen zuständig. Die Programme beginnen bei zwei Wochen bis maximal neun Monaten Dauer bei einer dreijährigen Ausbildung. Im Durchschnitt sprechen wir jedoch von einem vierwöchigen Aufenthalt. Dieser Zeitraum sollte eigentlich für jeden Ausbildungsbetrieb verkraftbar sein.

Zudem macht es natürlich Sinn, dieses Angebot auch an Leistung zu koppeln. Damit meine ich, dass die Chance, eine Zeit lang ins Ausland gehen zu können, für die Auszubildenden ein Ansporn sein soll, für den es sich lohnt, sich reinzuhängen – und schon entfaltet dieses Angebot einen zusätzlichen Mehrwert. Nicht zuletzt profitieren Ausbildungsbetriebe von den Effekten: Verbesserte Kommunikationskompetenz im Umgang zum Beispiel mit Kunden, mehr Selbstsicherheit und Zielstrebigkeit, wenn es darum geht, ein Problem zu lösen oder sich in eine neue Aufgabe einzuarbeiten. Der Schub für die Persönlichkeitsentwicklung macht sich sehr deutlich und sehr positiv bemerkbar, das bestätigen fast ausnahmslos alle Betriebe, die Auslandsaufenthalte während der Ausbildung ermöglichen.

Noch einmal zurück zu SMEEGE, warum sollen ausgerechnet Ausbildungsverantwortliche von KMU an dem Projekt teilnehmen?

Weil kleine und mittlere Unternehmen von den seit Jahren zunehmenden Schwierigkeiten, Auszubildende zu gewinnen, stärker betroffen sind, als die großen. Wir und die anderen Projektbeteiligten bei SMEEGE sind ja keine Reiseveranstalter. Wir haben einen klaren Auftrag, der lautet: Die betriebliche Ausbildung soll für Jugendliche attraktiver werden, denn nur so wird sie auch in Zukunft noch als Instrument der Nachwuchskräftegewinnung und -qualifizierung funktionieren. Der ungebrochene Trend zum Studium und der demografische Wandel führen dazu, dass immer mehr kleine und mittlere Unternehmen sich fragen: „Was können wir tun, um wieder (mehr) Ausbildungsbewerberinnen und -bewerber zu gewinnen?“ – Zu den Antworten zählen sicher Maßnahmen des Ausbildungsmarketings, aber das kann nur ein Teil der Lösung sein. Auch inhaltlich müssen die Betriebe ihre Ausbildung weiterentwickeln, sie attraktiver machen und mit besonderen Mehrwerten anreichern, damit Jugendliche sich für sie entscheiden, mit Begeisterung bei der Sache sind und auch motiviert bleiben. Wer einen Auslandsaufenthalt als Baustein in der Ausbildung anbietet, kann sicher punkten und sein Image in Richtung Top-Ausbildungsbetrieb und Top-Arbeitgeber erkennbar verbessern. Diese Unternehmen fordern ihre Nachwuchskräfte nicht nur, sie fördern sie auch in ihrer persönlichen Entwicklung durch die besondere Maßnahme des Auslandsaufenthalts. Das ist viel bedeutender, als beispielsweise die Bereitstellung eines Azubi-Laptops oder dergleichen.

Wenn wir uns mit der Generation Z auseinandersetzen, die jetzt vor der Berufswahl steht, sehen wir deutlich, dass die jungen Menschen von ihren Ausbildungsbetrieben solche persönlichkeitsfördernden Bestandteile einerseits erwarten, andererseits aber auch brauchen, um erfolgreich in die Berufswelt einsteigen zu können. Mit SMEEGE wollen wir die Ausbildungsverantwortlichen davon überzeugen, besser jetzt zu starten, bevor es „weh tut“ und einfach nicht mehr funktioniert oder sich niemand mehr bewirbt. Dazu schafft der eigene Auslandsaufenthalt zusammen mit anderen Ausbildungsverantwortlichen den nötigen AHA-Effekt und vermittelt zudem das Know-how für die Umsetzung. Die Möglichkeiten und Angebote der Auslandsaufenthalte sind da, es kommt nur darauf an, sie „richtig“ einzusetzen, das ist natürlich auch Thema in unserem Programm.

Wie lange dauert denn die Reise und was kostet es?

Im November findet die insgesamt fünftägige Reise nach Madrid statt. Das SMEEGE-Programm im November ist so flexibel aufgebaut, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst entscheiden können, ob sie nur einen Tag oder die gesamten fünf Tage dabei sein wollen. Wir empfehlen allerdings mindestens zwei oder besser drei Tage, um von den vielfältigen Programmpunkten zu profitieren und dabei auch die wertvollen Netzwerkeffekte mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet und der weiteren Partnerländer nutzen zu können.

Das Programm selbst und die gesamte Organisation vor Ort werden über die EU-Mittel finanziert, wer mindestens zwei Übernachtungen vor Ort ist, kann sogar seine Reisekosten fördern lassen. Realistisch gesehen würde ich die Kosten bei drei bis vier Tagen Aufenthalt auf etwa 500 bis 600 Euro veranschlagen. Diese Investition braucht angesichts des hohen Lerneffekts und des Erlebnischarakters den Vergleich zu anderen Maßnahmen der Ausbildungsförderung sicher nicht zu scheuen. Ich bin überzeugt: Es lohnt sich sehr!

Frau Haubenreißer, vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg mit dem SMEEGE-Projekt.

 

Auslandsaufenthalte in der Ausbildung – kurz und knapp

  • Ansprechpartner für die Ausbilderinnen und Ausbilder sowie für die Auszubildenden sind die Mobilitätsberaterinnen und -berater der IHKs. Sie informieren über die Möglichkeiten und die genauen Inhalte der Programme für Auszubildende.
  • Die Auszubildenden bewerben sich bei der zuständigen Mobilitätsberaterin bzw. dem zuständigen Mobilitätsberater.
  • Nach der Zusage finden Vorbereitungstreffen statt, danach erfolgt die Vermittlung an den vorher abgestimmten Ort und die entsprechenden Partnerorganisationen im Ausland.
  • Der Auslandsaufenthalt wird gefördert: Reisekosten, Tagessatz und Aufenthalt vor Ort

Projektbeschreibung SMEEGE

Small and MEdium companies Executives’ Go to Europe

Projektseite: https://smeege.eu/

Das Erasmus+ Projekt bringt Führungskräften, die in KMU für die Ausbildung verantwortlich sind, die Vorteile von Auslandsaufenthalten in der Ausbildung näher. Dazu absolvieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst einen ein- bis maximal fünftägigen programmgeführten Aufenthalt in Madrid.

Die Vorteile für Ausbildungsverantwortliche:

  • zahlreiche fachliche Impulse zur Weiterentwicklung der betrieblichen Ausbildung
  • vertieftes Verständnis des vielfältigen Nutzens von Auslandsaufenthalten
    - für Auszubildende
    - für das Ausbildungsmarketing und
    - für die Unternehmensreputation
  • branchenübergreifendes Networking rund um das Thema „KMU als Ausbildungsbetriebe“

Kosten: Die Teilnehmenden zahlen lediglich die Reisekosten, die Programmdurchführung wird durch Projektmittel finanziert.

SMEEGE-Projektpartner in Deutschland

  • Talentbrücke GmbH & Co. KG (Projektleitung)
  • Lux Impuls GmbH 
  • Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW gGmbH

Kontakt

Silke Haubenreißer
(Geschäftsführerin)
Lux Impuls GmbH
Kapuzinerstr. 9, Aufgang D
80337 München

Telefon:              089 54 40 77-25
E-Mail:                silke.haubenreisser[at]lux-impuls.de 

www.lux-impuls.de

Hinweis: Auch über das Erasmus+ Projekt hinaus stehen die Projektpartner in Deutschland für die Beratung von Ausbildungsverantwortlichen und die Konzeption, Planung sowie Realisierung von Auslandsaufenthalten im Sinne des SMEEGE-Ansatzes zur Verfügung. Nach Abstimmung kann zum Beispiel für ein größeres Unternehmen mit mehreren Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine individuelle Gruppenreise mit einem eigenen Programm realisiert werden.

Projektpartner in Belgien

IFAPME, Liège 

Projektpartner in Italien

Scuola Costruzioni Vicenza Andrea Palladio, Vicenza

Projektpartner in Slowenien

Gospodarska zbornica Slovenije, Ljubljana
(Chamber of Commerce and Industry of Slovenia)

Projektpartner in Spanien

International Formation Center S.L., Madrid 
 


Hinweis
Die IHK-Organisation gibt keine Empfehlung für eines der aufgeführten Unternehmen. Das Interview dient ausschließlich der Information über das SMEEGE-Projekt und der hiermit intendierten Förderung der dualen Berufsausbildung.