Wohnlösungen für Azubis – immer öfter erfolgsentscheidend

PraxisArtikel

Wohnraum in Städten ist knapp und teuer, das merken Jugendliche spätestens, wenn sie auf eigenen Füßen stehen und für ihr Studium oder ihre Ausbildung von zu Hause ausziehen wollen. Natürlich gibt es ähnlich wie für Studierende auch für Auszubildende Wohnheime, WG-Zimmer und einige weitere Möglichkeiten, doch seien wir ehrlich: Es sind viel zu wenige. Auch wenn es keine offiziellen Zahlen hierzu gibt, liegt es auf der Hand, dass das Problem, in Städten eine bezahlbare Unterkunft zu finden, für Jugendliche (und deren Eltern) schnell ein K.O.-Kriterium wird. Dann muss es eben ein Ausbildungsbetrieb in der Nähe des Wohnortes der Eltern werden, vielleicht sogar eine Ausbildung in einem anderen Beruf, schade um den Traumberuf, schade um die Traumauszubildende bzw. den Traumauszubildenden ...

Auf dem Land sieht es auf den ersten Blick zwar etwas anders aus, der Wohnungsmarkt scheint nicht derart angespannt zu sein. Trotzdem gilt auch in vielen ländlichen Regionen: Die Nachfrage nach Wohnraum, den sich Geringverdienende leisten können, ist in der Regel größer als das Angebot. Hinzu kommt, dass auf dem Land die Mobilitätsfrage mit ins Spiel kommt. Wenn zwischen Wohnort und Ausbildungsbetrieb bzw. zwischen Wohnort und Berufsschule mehrere Ortschaften liegen, kann das Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr mühsam und zeitintensiv werden. Zur Frage der Unterkunft kommt also noch die Frage nach einer passenden und bezahlbaren Mobilitätslösung in Form von Auto, Moped, E-Bike oder Mitfahrgelegenheit hinzu – im schlimmsten Falle wiederum Gründe, einen anderen Ausbildungsbetrieb und vielleicht eine andere Ausbildung zu wählen.

Zusammengefasst: Aufgrund des demografischen Wandels sinken in nahezu allen Branchen die Bewerberzahlen auf Ausbildungsplätze. Zugleich trifft der Mangel an bezahlbarem Wohnraum insbesondere auch Auszubildende (und Studierende). Deshalb macht es Sinn, wenn sich Ausbildungsbetriebe nach Lösungen umschauen, um neben Studierenden insbesondere auch Auszubildenden, die von außerhalb kommen, temporär oder langfristig ausbildungsplatznahe, bezahlbare Unterkünfte zur Verfügung stellen zu können:

  • Sie vergrößern das Einzugsgebiet potenzieller Bewerberinnen und Bewerber.
    Ggf. wird die Anwerbung von Jugendlichen aus dem Ausland überhaupt erst möglich, wenn die Frage der Unterkunft gelöst ist.
  • Sie steigern die Attraktivität ihres Ausbildungsangebots für „wirklich“ am Beruf Interessierte.
  • Sie bieten Jugendlichen die Chance, unabhängig von den (sozialen) Verhältnissen zu Hause erfolgreich ins Berufsleben zu starten.
  • Sie beweisen ihr soziales Engagement.
     

Wie können solche Wohn-Lösungen aussehen?

Ein Überblick (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) …

  • Geeignete Kooperationspartner finden
    Ein Anfang kann die Vernetzung, Unterstützung und Zusammenarbeit von Unternehmen mit bestehenden Organisationen sein, die sich für Jugendwohneinrichtungen einsetzen. Die bundesweit agierende Initiative „Auswärts Zuhause“, ein Projekt der Kolpinghäuser e. V., ist hierfür ein gutes Beispiel. Die Initiative betreibt eigene Einrichtungen des Jugendwohnens speziell für Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren in schulischer oder beruflicher Ausbildung und sorgt hier auch für die Verpflegung und eine sozialpädagogische Begleitung. Außerdem ist die Initiative bestens mit ähnlichen Einrichtungen anderer Träger vernetzt.

    Die Formen der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und sozialen Einrichtungen vor Ort können sehr unterschiedlich sein und reichen von der Einzelfallunterbringung bis zu langfristigen gemeinsamen Wohnprojekten. Deshalb heißt der erste Schritt: Kontakt aufnehmen und miteinander sprechen, was benötigt wird, was möglich ist und was möglich werden könnte.
     
  • Wohnraum anmieten oder erwerben
    Zahlreiche Beispiele von Unternehmen in Ballungsräumen und in ländlichen Regionen zeigen, dass Unternehmen selbst aktiv werden, indem sie ausbildungsplatznahe Immobilien erwerben oder anmieten und diese zu eigenen Azubiunterkünften umbauen.

    Je nach Projekt kann es für ein solches Vorhaben zum Beispiel in Verbindung mit dem Bund-Länderprogramm „Junges Wohnen“ Fördergeld des Landes Bayern oder anderer Stellen geben. Ein frühzeitiges Einbeziehen der betreffenden kommunalen Verwaltung macht daher in jedem Falle Sinn.
      

  • Verein oder Stiftung gründen
    Das  Azubiwerk München ist ein Beispiel dafür, wie durch eine Vereinsgründung die Schaffung und Vermietung von Wohnraum speziell für Auszubildende möglich wird. Am Azubiwerk München beteiligt sind die Stadt München, der Kreisjugendring München und die DGB-Jugend München. Seit dem ersten Pilot-Bauprojekt stehen mittlerweile über 300 Apartments für Auszubildende zur Verfügung. Ein Teil der Plätze wird an Auszubildende direkt vermietet, für den Rest können Unternehmen für ihre Azubis sogenannte Belegrechte erwerben.

    Aus Unternehmenssicht verdeutlicht das Beispiel somit zwei wichtige Aspekte: Zum einen ist es gemeinsam mit geeigneten Partnern möglich, über die Vereis- oder Stiftungsgründung die Kosten für die Schaffung von Wohnraum auf mehrere Schultern zu verteilen. Zum anderen können durch den Verkauf von Bezugsrechten zusätzliche Mittel für die Refinanzierung erschlossen werden. Nicht zuletzt kann ein solches Modell den Zusammenhalt von Unternehmen in einer Region erheblich stärken: ein Problem, das alle Ausbildungsbetriebe betrifft, eine gemeinsame Lösung.
     

Die genannten Beispiele zeigen: Es sind aktive Schritte nötig, aber auch möglich, um den eigenen Auszubildenden passende Wohnlösungen zur Verfügung stellen zu können. Diese Schritte erfordern Arbeitszeit, Gesprächsoffenheit sowie finanzielle Ressourcen und sie führen nicht von heute auf morgen zu Erfolgen. Dennoch lohnt es sich für Unternehmen, die Dinge gemeinsam mit geeigneten Partnern in die Hand zu nehmen. Schließlich geht es um die Fachkräfte von morgen und übermorgen, um berufliche und soziale Integration, um Zukunftschancen für Jugendliche und Unternehmen.

Übrigens: Auszubildende können eigeninitiativ eine Förderung ihrer Wohnkosten über die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) der Bundesagentur für Arbeit  beantragen. Manchmal hilft ja schon diese finanzielle Unterstützung, um ein in Aussicht stehendes Zimmer oder Apartment doch noch bezahlen und die Ausbildung in vertretbarer Entfernung zum gewählten Unternehmen absolvieren zu können. Zumindest sollten Ausbilderinnen und Ausbilder ihre Bewerberinnen und Bewerber auf diese Möglichkeit hinweisen können, wenn das Thema „Wo könnte die bzw. der Auszubildende denn unterkommen?“ relevant wird.

Links

Azubiwerk München

Bund-Länder-Programm „Junges Wohnen“

Initiative „Auswärts Zuhause“

Berufsausbildungsbeihilfe (BAB)